Weil die Welt nicht flach ist
(Rock Shox)
Verfasst von Patrizia am Di, 24/08/2010 - 19:46
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Das verflixte dritte Mal – oder:
„Kinderkriegen ist bestimmt auch nicht schlimmer“
von Henning Frankenberger
August 2010 und die Fahrerinnen und Fahrer der RSG Würzburg traten erneut am Nürburgring zum 24 Stunden Ritt durch die Grüne Hölle an. Christina Scheller mit Patrizia Mützel als „RSG Würzburg – Mädels“ –Team, Andi Hornung mit Henning Frankenberger als „RSG Würzburg“. Beide in der 24 Stunden 2er-Team Wertung auf dem Rennrad.
Benedikt Strobel startete beim 150km Rennen im Rahmen des German Cycling Cups.
Roland Spiegel meldete unerschrocken als 24h Einzelstarter.
Die Strecke war in diesem Jahr verlängert worden. Im Vergleich zu den Vorjahren waren diesmal noch größere Teile der Grand-Prix Strecke zur ohnehin obligatorischen Nordschleife zu befahren. Dies diente unter anderem dazu, dem enormen Teilnehmerandrang Herr zu werden. Über 10.000 Teilnehmer verzeichnete die Veranstaltungen in diesem Jahr, über 4.500 davon bei den 24h- Wettbewerben und damit 2000 mehr als in den Jahren 2007 und 2008. Entsprechend voll war es auf und entlang der Strecke. Bereits die Anfahrt gestaltete sich schwierig. Von Würzburg bis in die Eifel gut durchgekommen fanden sich die RSGler Kilometer vor der Einfahrt in das Fahrerlager am späten Freitagabend in einem Stau auf der Bundesstraße (!) wieder. Das Einchecken verzögerte sich, der Rückstau war enorm. In der Nacht konnte aber doch noch der Boxenplatz belegt werden.
Am nächsten Morgen an die Rennstrecke. Die letzten Vorbereitungen wurden getroffen. Die 24 Stunden begannen diesmal um 13.15 Uhr. Patrizia Mützel und Henning Frankenberger waren die Startfahrer für die 2er Teams „RSG Würzburg – Mädels“ und „RSG Würzburg“. Der Andrang war enorm. Beide hatten die Masse der Startenden unterschätzt. Mit dem Startschuss versuchte Henning sich nach vorn zu arbeiten, doch er merkte, dass er in der Startaufstellung zu weit hinten eingeordnet war. Allem Kampf zum Trotz übergab er an Andi im Bewusstsein, dass andere Teams vor ihnen lagen.
War dem so? Niemand konnte es sagen, da die Zeitmessung noch nicht online zur Verfügung stand. Man war blind. Auch Patrizia und Christina wussten nicht, wo sie im Klassement platziert waren.
Beim Wechsel von Henning nach der Einführungsrunde an Andi passierte es keine 30 Sekunden später: Andi startete durch und fuhr sich nach wenigen hundert Metern eine Sicherheitsnadel in den Hinterreifen. Henning war bereits zu einer Auskurbelrunde abgebogen.
Erfolgsverwöhnt aus den Vorjahren waren die Ersatzlaufräder im Bus. Wo war der Schlüssel? Warum waren die Laufräder nicht aufgepumpt? Wo waren gleich die Schnellspanner? Henning sah zurück an der „AMG-Box“, in der die RSGler untergebracht waren, alle in heller Aufregung. Er gab sofort sein Hinterrad weiter, dieses schien aber in der Hektik nicht in Andis Rad zu passen. Nach einer Weile gelang es dann auch mit kräftiger Hilfe durch Boxennachbarn, mit denen wir bereits zum dritten Mal unsere 24h-Stunden-Unterkunft teilten, schließlich doch und Andi startete voller Adrenalin in seine erste Eifelrunde auf die Nordschleife.
Beide RSG-Teams hatten sich darauf verständigt, zunächst jeweils eine Runde zu fahren und dann auf einen zwei Runden Rhythmus zu wechseln. Eine Runde hatte fast 26 Kilometer bei nahezu 550 Höhenmetern.
Andi und Henning gaben mächtig Gas. Subjektiv lief es langsam besser, doch die Ungewissheit blieb noch einige Stunden erhalten. Erst die Einführungsrunde, „im Verkehr hängen bleibend“ und trotz der Aufbietung sämtlicher Kräfte trotzdem nicht – wie sonst aus den Vorjahren gewohnt – ganz nach vorne gekommen. Dann der Defekt direkt zu Beginn von Andis Törn. Erst gegen Nachmittag stand die Zeitmessung im Netz zur Verfügung. Die Mädels führten. Erleichterung.
Es war heiß, die Sonne knallte und trotzdem stand ein strammer Wind auf der „Döttinger Höhe“ und der Zielgeraden. Dazu die schweren Steigungen, zum Glück auch die gewaltigen Abfahrten. Christina stellte einen neuen persönlichen Rekord auf, fuhr mit über 92 km/h bergab, erlangte wieder ein Gefühl für das schnelle Kurven fahren und hatte kurzfristig Spaß.
Was war mit den Jungs?
Bei 24 Stunden Rennen nimmt man sich immer vor die Kräfte einzuteilen – allein, man tut es nicht. Jede Runde wurde so schnell gefahren wie es eben ging. Der Erfolg stellte sich allmählich ein. Fünfter Platz, dann Dritter Platz für Andi und Henning. Wieder ein Wechsel, zwei Runden, die sehr gut gelangen, der Kampfgeist war da. Henning fuhr mit über 103 km/h die Fuchsröhre hinunter, sammelte zum Bergwerk hoch Fahrer um Fahrer ein.
Beide RSG Teams hatten die Transponder, die wie ein Staffelstab weiterzureichen waren, in eine Trinkflasche versenkt, die sie in der Boxengasse im fliegenden Wechsel weitergeben konnten. Christina und Patrizia hatten dies erstmals von den Männerteams abgeschaut und kamen gut damit zurecht.

Am Nachmittag kam Henning von einem Törn zurück. Und es passierte wieder etwas:
Henning fuhr in die Boxengasse und übergab an Andi. Richard und Gertrud Mützel, Betreuer der beiden Teams jubelten, die Jungs hatten die Konkurrenten eingesammelt, nun lagen alle ihre Schützlinge vorn! Henning fuhr sich aus, kam zurück in die Box, die Laune war prächtig, endlich eine Belohung für die brutalen Anstrengungen. Nach Gesprächen mit Christina, die kurz zuvor an Patrizia übergeben hatte, Gertrud und Richard fiel Hennings Blick auf seine Flaschenhalter: da stimmte etwas nicht: Er hatte die falsche Flasche weitergegeben!!!
Vollkommen blau hatte er nicht bemerkt, dass die „Sitzrohr-Flasche“ den Transponder enthält. Andi war also ohne Transponder unterwegs. Super.
Die Betreuer informierten sofort die Rennleitung und Richard gelang es durch beherzten Einsatz Andi nach dreiviertel der Runde doch noch die „richtige“ Flasche zu übergeben.
Wieder ein Rückschlag. Wieder alle Anstrengung umsonst?
Die Jungs lagen zwischenzeitlich auf dem siebten Platz. Und erneut galt es Kräfte und vor allem Motivation zu mobilisieren. Angriff, den Rückstand aufholen, jetzt darf nichts mehr schief gehen. Doch es ging weiter. Andis Magen wollte nicht so wie Andi. Wahrscheinlich war eines der vielen Gels oder ein Riegel schlecht gewesen – und ebenso erging es nun Andi.
Trotzdem ließ er nicht nach. Lediglich von dem Vorhaben in der Nacht drei Runden zu fahren nahm man nun Abstand…
Die Nacht kam und die Nacht wurde gut. Andi stabilisierte sich, ließ einfach nicht locker, musste dafür aber sehr „tief gehen“. Henning gelangen in der Dunkelheit ein paar sehr gute Törns und man kam nach vorn. Zwischenstand: wieder beide Teams vorne.
Dann wieder Unstimmigkeiten. Mal erschienen die Jungs in der Ergebnisliste als erste, dann mit der Zeit vorn, aber nicht mit sämtlichen Runden, dann wieder gar nicht. Scheinbar gab es Unstimmigkeiten innerhalb der Rennleitung, wie denn nun mit „den Würzburgern“ zu verfahren sei.
Irgendwann im Laufe des nächsten Morgens war es vollbracht: Henning konnte abermals das mutmaßlich führende Team überholen. Damit war es geschafft. Auch wenn die Rennleitung gegen die RSG entscheiden sollte, dies war ein Rundengewinn. Nun lag man wirklich vorn. Und dann kam noch die positive Nachricht hinzu: Andi teilte es Henning beim Wechsel mit „Wir haben die Runde!“ Große Erleichterung und Freude.
Richard zeigte im Rennbüro eine bemerkenswerte Hartnäckigkeit und blieb so lange lästig, ließ sich nicht abwimmeln bis die positive Entscheidung gefallen war! Sicherlich war der gute Leumund aus den Vorjahren hierbei hilfreich. Und die ohnehin erlangte Führung war gewiss auch nicht hinderlich.
Alles wurde gut. Die Mädels mit weitem Vorsprung vorn, die Jungs in Führung nahte die letzte Runde, die Christina und Henning in Angriff nahmen. Man einigte sich darauf gemeinsam zu viert ins Ziel zu fahren. Der Vorsprung war groß genug. Christina und Patrizia fuhren 23 Runden auf dem anspruchsvollen Kurs, Andi und Henning absolvierten 28. Doppelsieg für die RSG Würzburg.


Bei den Jungs sehr hart umkämpft, voller Rückschläge, Pleiten, Pech und Pannen.
Bei den Mädels dem Ergebnis nach souverän, bei genauerer Betrachtung aber unvergleichlich hart. Andi und Christina meinten mehrmals wie leicht die Transalp doch gewesen sei. In der ersten Runde erscheint der Ring schwer, aber machbar. Von Runde zu Runde zweifelt man mehr an dieser ursprünglichen Einschätzung. Und beide waren sich einig, niemals etwas so hartes gemacht zu haben, Christina meinte in der Nacht vor Ihrem nächsten Törn:
„Kinder kriegen ist bestimmt auch nicht schlimmer!“
Doch der Mensch vergisst.


Epilog:
Benedikt Strobel finishte nach 4:42:29 als 13ter seiner Altersklasse.
Roland Spiegel fuhr komplett und ohne Pause einen Tag und eine Nacht konstant hindurch. Nach den leidvollen ersten vier Runden berichtete er, dass „der Diesel angesprungen sei“. Er absolvierte stoisch und allein 19 Runden und wurde damit 17ter seiner Altersklasse. Dies bedeutet eine Distanz von fast 500 Kilometern und deutlich über 10.000 Höhenmetern. Was er an den 24 Stunden so schätze:
„Es sind ehrliche Rennen – die Stärksten gewinnen“.











